Interview: Was kann ich gegen Wildtierhandel und Wildtiertourismus tun?

Wildtierhandel und Wildtiertourismus sind ein globales Problem – von illegalen Tier‑Shops in Südostasien bis zu Attraktionen, in denen exotische Tiere zur Unterhaltung von Besucher*innen dienen. BOS Schweiz Geschäftsleiterin Dr. Sophia Benz erklärt, was hinter diesen Praktiken steckt und wie Sie echte Hilfe leisten können.

Warum sind Wildtierhandel und Wildtiertourismus ein zentrales Problem für bedrohte Arten wie Orang‑Utans?
Wildtierhandel und Wildtiertourismus hängen häufig zusammen: Touristische Attraktionen, in denen Tiere für Shows, Fotos oder „Erlebnisse“ eingesetzt werden, schaffen eine grosse Nachfrage nach Lebendtieren in Gefangenschaft - ob als Haustier gehalten oder in privaten und öffentlichen Zoos und Zirkussen. Da diese enorme Nachfrage nicht mehr durch eigene Nachzucht gedeckt werden kann, werden immer mehr Wildtiere ihrem natürlichen Lebensraum entnommen, geschmuggelt und verkauft:
- Laut Interpol hat der Handel mit lebenden Tieren einen neuen Höchststand erreicht.
- Erst im Oktober 2025 fand Operation Thunder satt, die grösste Razzia gegen den illegalen Wildtierhandel in der Geschichte der Organisation. 134 Länder waren beteiligt. Fast 30 000 Tiere wurden befreit, 1 100 Verdächtige identifiziert und zum Teil verhaftet und es kam zu 4 640 Beschlagnahmungen.
Der illegale Handel mit Wildtieren hat enorme Auswirkungen auf die Biodiversität generell und den Artenschutz im Besonderen, da gerade exotische und seltene, das heisst stark bedrohte Arten, betroffen sind. Pro Jahr werden damit über 18 Milliarden Franken verdient. Damit gehört der illegale Tierhandel neben dem Waffen-, Menschen- und Drogenhandel zu den lukrativsten organisierten Verbrechen unserer Zeit. Der angegliederte Wildtiertourismus ist ein 250 Milliarden Business. Hunderttausende Tiere sind betroffen. Wichtig ist aber zu bedenken, dass gerade bei stark gefährdeten Arten wie den Orang‑Utans schon die Entnahme weniger Individuen den Kollaps ganzer Populationen zur Folge haben kann.
Wie viele Orang-Utans sind betroffen?
Schätzungen zufolge werden etwa 1000 Orang-Utans pro Jahr illegal gehandelt. Diese Hochrechnung von Global Financial Integrity aus dem Jahr 2018 basiert auf den 100 bis 150 Fällen, die jährlich an den Grenzen auffliegen. Um 1000 Jungtiere für den illegalen Handel zu gewinnen, müssen mindestens 1000 Orang-Utan Mütter getötet werden - denn sie verteidigen ihre Babys mit ihrem Leben.
Und das Risiko, das die Wilderer eingehen, lohnt sich: Bis zu 120 Dollar verdient ein lokaler Jäger an einem Orang-Utan-Baby. Internationale Käufer sind bereit, bis zu 70 000 Dollar pro Tier hinzublättern. Alleine die knapp 150 konfiszierten Orang-Utans wären demnach zwischen 300 000 Dollar und 10 Millionen Dollar wert gewesen. Das ist eine enorme Wertschöpfung, die den Kampf gegen dieses organisierte Verbrechen so schwer macht.
Gibt es konkrete Beispiele von Wildtiertourismus, die problematisch sind?
Ja, leider sehr viele. In Thailand werden Orang-Utans in „Thai-Boxkämpfen“ zur Belustigung der Zuschauer*innen eingesetzt, obwohl die Art dort gar nicht heimisch ist. Tiere werden kostümiert, müssen als Boxer oder Ring Girls Zirkusnummern aufführen. Nur wenn auffliegt, dass die Tiere illegal ins Land geschmuggelt wurden, das CITES-Abkommen greift und die lokalen und nationalen Behörden aktiv werden, besteht eine Chance auf Rückführung. Dann haben einzelne Tiere wie Kapuan Glück: Das Orang-Utan-Weibchen wurde von BOS aus dem thailändischen Freizeitpark Safari World gerettet, rehabilitiert und ausgewildert.

Kapuans Auswilderung miterleben
Der deutsche Fernsehsender ZDF begleitete Kapuans Auswilderung exklusiv. Sehen Sie jetzt die berührenden Szenen in der Serie "Terra X - Faszination Erde: Borneo - Zurück in die Wildnis".
Warum ist gerade der Kontakt zwischen Tourist*innen und Orang-Utans so problematisch?
Orang-Utans sind genetisch sehr nah mit uns verwandt. Das bedeutet: Sie können sich leicht mit menschlichen, für sie potentiell tödlichen Krankheiten, anstecken – von Atemwegsinfekten bis zu Viruserkrankungen. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Menschenaffen durch touristische Nähe gesundheitlich schwer geschädigt wurden. Seriöse Schutzgebiete schreiben deshalb Mindestabstände, Maskenpflicht oder begrenzte Gruppengrössen vor. Angebote, bei denen Tiere berührt, gehalten oder für Fotos umarmt werden, sind ein klares Warnsignal (weitere Anzeichen für Wildtiertourismus weiter unten).
Welche anderen Arten leiden unter Tier-Tourismus?
Neben Orang-Utans sind Elefanten ein bekanntes Beispiel. Jahrzehntelang wurden Elefantenritte, Kunststücke oder Bade-Selfies als „harmloses Erlebnis“ vermarktet. In vielen Fällen gehen solche Angebote jedoch mit früher Trennung von der Mutter, gewaltsamer Dressur und lebenslanger Anketten einher.
In den letzten drei Wochen starben 72 Tiger in zwei Einrichtungen des Vergnügungsparks Tiger Kingdom in Chiang Mai, Thailand. Auch dort interagieren Touristinnen und Touristen häufig mit den Tieren. Die Presseagentur AFP berichtete, dass bei Untersuchungen Infektionen mit dem hochansteckenden Staupe-Virus sowie Bakterien nachgewiesen worden waren. Inzucht sorgt zudem für schwache Immunsysteme. Raubkatzen wie Tigern werden nicht nur die Reisszähne und Krallen gezogen, sondern sie werden auch an kurze Ketten gelegt.

Gibt es Tiere, die gerettet werden?
Nur ein Bruchteil der Tiere wird aus Zirkussen, Freizeitparks oder Zoos befreit. Wenn es sich um Borneo-Orang-Utans handelt und das betroffene Land internationales Artenschutzrecht wie das CITES-Abkommen unterzeichnet hat, können die konfiszierten Tiere nach Borneo zurückgeführt und in Rettungsstationen gebracht werden. In den vergangenen Jahren nahmen die beiden BOS-Rettungsstationen 54 Orang-Utans auf, die zuvor in Thailand oder Kuwait ausgebeutet wurden. Doch viele kamen in einem dramatischen Zustand an: Rund ein Viertel war so schwer krank, dass es trotz intensiver Pflege nicht überlebte.
Die Überlebenden leiden häufig unter chronischen Erkrankungen und schweren Traumata.
Immerhin konnte aber ein Drittel dieser Tiere nach einem jahrzehntelangen Rehabilitationsprozess ausgewildert werden – wie etwa Kapuan. Ein weiteres Drittel befindet sich aktuell noch auf Vorauswilderungsinseln und wird wie Taymur auf eine Auswilderung vorbereitet.
Für die anderen bleibt die Freiheit ausser Reichweite. Etwa die Hälfte von ihnen ist stabil genug, um auf bewaldeten Flussinseln innerhalb der BOS-Rettungszentren ohne Gitter zu leben. Die übrigen fristen auch bei BOS ein Leben in Käfigen - weil nicht genug Platz auf Inseln vorhanden ist oder weil diese Tiere so stark beeinträchtigt sind, dass sie dauerhaft betreut werden müssen.

Was ist mit Petitionen gegen Wildtierhandel und -tourismus – sind sie hilfreich?
Das Problem ist nicht, dass es keine Gesetze gäbe: Orang-Utans stehen national wie international unter Schutz. Es ist streng verboten, sie der Wildnis zu entreissen, gefangen zu halten oder ins Ausland zu schmuggeln. Es mangelt v.a. an Rechtsdurchsetzung. Sie zu verbessern ist schwer, wenn der politische Wille oder die Möglichkeiten fehlen. Aktivistinnen und Aktivisten beissen sich seit vielen Jahren relativ erfolglos die Zähne daran aus und auch öffentlicher Druck z.B. über Petitionen hilft da nur bedingt. Mit der Unterschrift einer Petition an sich und deren Übergabe an Entscheidungsträgerinnen und -träger ist noch nichts bewirkt. Nur Organisationen, die die Expertise und Kapazitäten für teure Lobbyarbeit haben und über Jahre dran bleiben, können hier zumindest versuchen, einen Unterschied zu machen.
BOS Schweiz kann und will das nicht leisten. Wir setzen unsere begrenzten Ressourcen bewusst dort ein, wo wir unmittelbar Tierleid verhindern können, d.h. in der Rehabilitation von Tieren, die wir befreien und denen wir tagtäglich eine artgerechte Zukunft bieten. Und in der Bildungsarbeit (u.a. mit unserer [MOVING PICTURES]-Ausstellung). Denn gerade dort, wo der juristische Rahmen eigentlich existiert, aber nicht zur Anwendung kommt, liegt der grösste Hebel auf der Nachfrageseite - d.h. wir als Reisende und Social-Media-Konsumentinnen und -Konsumenten müssen unser Verhalten ändern. Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft, weshalb Aufklärung und Umweltbildung - hier in der Schweiz, in Thailand, Indonesien oder auch Kuweit - matchentscheinded ist.![]()
Was kann man konkret gegen Wildtierhandel und Wildtiertourismus tun?
Wildtierhandel und Wildtiertourismus sind keine harmlosen Begleiterscheinungen des Reisens, sondern tragende Säulen eines internationalen Geschäftsmodells, das den Fortbestand bedrohter Arten gefährdet.
Jede*r Tourist*in hat die Macht, durch bewusste Entscheidungen Nachfrage zu reduzieren – und damit den Druck auf die kriminellen Netzwerke zu erhöhen. Wirklichen Schutz schaffen wir erst, wenn unser Engagement bei konkreten Schutz‑ und Rettungsprojekten, Bildung und ethischem Reiseverhalten ansetzt.
Wie erkennen Reisende, ob ein Angebot auf Ausbeutung basiert?
Es gibt einige klare Indikatoren:
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Wildtiere treten in Shows auf, führen unnatürliche Tricks vor, sehen krank und unglücklich aus oder zeigen stereotypes Verhalten (z.B. wiederholtes Hin- und Herschaukeln oder Körperwiegen, festes Umarmen des eigenen Körpers oder Interaktion mit den eigenen Armen oder Beinen, als wären sie Fremdkörper, andere repetitive und zwecklose Bewegungsabläufe, gestörtes Fressverhalten (Essen von Kot oder Erbrochenem), Aggression bis hin zur Selbstverletzung (Beissen, Haare ausreissen, Spucken)
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Direkter Körperkontakt oder Selfies mit Wildtieren werden aktiv beworben
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Tiere leben in Isolation, ohne Rückzugsmöglichkeiten, ohne Stimulation / Enrichment und in Platzmangel
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Es fehlen transparente Informationen zu Herkunft und Haltung
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Die Art ist im jeweiligen Land gar nicht heimisch (z. B. Orang-Utans in Thailand)
Solche Merkmale sprechen häufig für Wildtiertourismus, der indirekt oder direkt mit Wildtierhandel und in jedem Fall mit Tierleid verknüpft ist.
Do’s and Dont’s - So können Sie Wildtierhandel und Wildtiertourismus vermeiden und Artenschutz unterstützen:
- Keine Besuche von Shows mit Wildtieren
Vermeiden Sie Zoos oder Freizeitparks, in denen Tiere gezwungen werden, für Fotos zu posieren, Tricks aufzuführen oder für Unterhaltungszwecke missbraucht werden. Schreiben Sie schlechte Google-Bewertungen.
- Social Media bewusst nutzen
Liken, kommentieren oder teilen Sie keine Beiträge, in denen Wildtiere ausgebeutet werden. Jede Interaktion erhöht die Reichweite und damit den Profit der Betreiber*innen.
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Informieren und kritisch hinterfragen
Verzichten Sie am besten ganz auf Angebote im Bereich Tiertourismus oder prüfen Sie zumindest vor der Buchung eines Angebots, ob die Tiere artgerecht gehalten werden. Achten Sie auf Labels oder Zertifikate wie „Global Federation of Animal Sanctuaries“ oder „Wildlife Friendly“. Nutzen Sie für Ihre Reise Anbieter wie Tripadvisor, die sich nach branchenführenden Tierschutzrichtlinien richten.
- Direkten Tier- und Artenschutz fördern
Unterstützen Sie Organisationen wie uns, die Wildtiere aus Notlagen retten, rehabilitieren und wieder auswildern.
Jetzt Rettungsstation unterstützen
Helfen Sie Taymur zurück in die Freiheit.
Helfen Sie, den natürlichen Lebensraum bedrohter Arten zu erhalten und effektiv zu schützen - vor Bränden, Wilderei und illegalem Holzeinschlag.
Verhelfen Sie nicht auswilderbaren Tieren, die nur knapp dem illegalen Tierhandel oder der Haustierhaltung entkommen sind, ein würdiges Leben auf einer bewaldeten Flussinsel zu führen
Auch andernorts gibt es kritische Entwicklungen. In Teilen Indonesiens werden Orang-Utans und andere Wildtiere privat als Haustiere gehalten oder als „Touristenattraktion“ z.B. in Mini-Zoos vorgeführt. Sowohl die Haltungsbedingungen als auch die Trainingsmethoden (von Wasser- und Futterentzug bis hin zur Gewaltanwendung) sind grausam und bei Weitem nicht artgerecht.
Gleichermassen problematisch ist sogenannter „Feeding Tourism“: Wenn Tourist*innen Orang-Utans oder andere Tiere anlocken oder füttern, verlieren die Tiere ihre natürliche Scheu, werden abhängig vom Menschen und geraten leichter in Konflikte mit der lokalen Bevölkerung. Auch das gefährdet letztlich die Überlebenschancen der Art in freier Wildbahn.
