Kleiner Orang-Utan, grosse Chance

Veröffentlicht08.06.2026

Der kleine Roy kam Anfang Jahr in die BOS-Rettungsstation. Er hatte keinen schönen Start ins Leben - wird er je in Freiheit leben können?

Orang-Utan-Waise Roy

Die offizielle Geschichte lautet so: Als ein Fischer im Waldgebiet Kahayan Hulu Muroi in Zentralkalimantan unterwegs war, machte er eine ungewöhnliche Entdeckung: Ganz allein sass dort ein kleiner Orang-Utan – keine Mutter in Sicht. Der junge Orang-Utan, heute Roy genannt, war damals erst etwa zwei Jahre alt.

Der Mann hatte Mitleid, nahm Roy mit nach Hause und kümmerte sich mehrere Monate lang um ihn. Doch ein Orang-Utan-Baby braucht weit mehr als Schutz und Nahrung. Ohne seine Mutter fehlen ihm wichtige Fähigkeiten, die er in freier Wildbahn zum Überleben braucht – vom Klettern bis zur Nahrungssuche.

Am 16. Januar 2026 meldete er den kleinen Orang-Utan schliesslich bei der indonesischen Naturschutzbehörde. Kurz darauf wurde Roy in das BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng gebracht, wo nun seine Rehabilitation beginnt.

Was mit Roys Mutter passiert ist und ob der Fund von Roy wirklich so ablief, das wissen wir nicht. Es könnte auch sein, dass der Dorfbewohner Roy als illegales Haustier gekauft und der Verkäufer Roys Mutter getötet hat. Leider wäre das ein realistisches Szenario.

Zu viel Zucker, zu wenig Wald

Bei seiner Ankunft zeigte sich schnell: Roy ist zwar aktiv und neugierig, aber gesundheitlich angeschlagen. Durch die monatelange Haltung als Haustier nahm er deutlich zu viel Gewicht zu. Unter beiden Achseln bildeten sich sichtbare Fettpolster – verursacht durch eine ungeeignete Ernährung mit gezuckerter Kondensmilch und sehr süssen Früchten.

Saure Waldfrüchte hingegen kannte Roy kaum noch. Als er im Rettungszentrum Langsat-Früchte angeboten bekam, verweigerte er sie zunächst und reagierte später sogar mit Durchfall. Nun erhält Roy unter Aufsicht des medizinischen Teams eine angepasste Diät, damit sich sein Gewicht langsam normalisiert.

Orang-Utan-Waise Roy wird medizinisch untersucht

Orang-Utan-Waise mit Potential

Trotz seines schwierigen Starts zeigt Roy bereits typisches Orang-Utan-Verhalten. Er liebt es zu klettern, schwingt begeistert an aufgehängten Reifen durch sein Gehege und erkundet neugierig seine Umgebung. Getragen werden mag er dagegen überhaupt nicht – auch Windeln versucht er regelmässig loszuwerden und auch auf seine menschliche Ersatzmutter hört er (noch) nicht.

Der lange Weg zurück in die Freiheit

Für Orang-Utan-Waisen wie Roy beginnt nach der Rettung ein jahrelanger Lernprozess. Im Rettungszentrum lernen die Jungtiere Schritt für Schritt alles, was sie später zum Überleben im Regenwald brauchen: Klettern, Nestbau, Nahrungssuche und das Verhalten im Wald.

Sobald Roy gesundheitlich stabil ist, wird er gemeinsam mit anderen jungen Orang-Utans eine kleine Spiel- und Lerngruppe besuchen. Begleitet von erfahrenen Ersatzmüttern startet danach seine eigentliche Waldschule.

Roys Geschichte zeigt, wie verletzlich junge Orang-Utans sind – und wie wichtig schnelle Hilfe ist. Dank seiner Rettung hat er heute die Chance auf ein neues Leben. Mit Geduld, medizinischer Betreuung und jahrelanger Rehabilitation könnte Roy eines Tages dorthin zurückkehren, wo Orang-Utans hingehören: in die Wälder Borneos.